Walburg – Als das Geräusch kleiner tapsender Schritte auf dem Flur der Walburger Kita „Haus der kleinen Füße“ erklang, war das erst mal nichts Ungewöhnliches. Verwundernd war nur ihr Ursprung, erinnert sich Louis Grunewald. Ein kleiner Junge mit Muskelerkrankung stellte zum allerersten Mal vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ein Moment, der nicht nur für das Kind besonders war – auch für den Erzieher bleibt dieser Augenblick unvergessen. Spätestens damals wurde ihm klar, warum er mit diesem Beruf seine Bestimmung gefunden hat.
Arzt, Ingenieur, Bauarbeiter, Zahnarzthelferin, Kosmetikerin, Kindergärtnerin – vielen Berufen werden selbst im Jahr 2026 unterbewusst noch Geschlechter zugeteilt. Und häufig spiegelt das auch die Realität wider: Der Anteil von Frauen im Bauhauptgewerbe war 2022 mit 10 Prozent zum Beispiel sehr niedrig. Dagegen arbeiteten 2023 bundesweit gerade einmal 61 458 Männer unter den 749.488 Fachkräften in Kindertageseinrichtungen.
Der heutige „Girls- und Boysday“ soll Heranwachsenden damit die Chance bieten, für einen Tag in einen für ihr Geschlecht untypischen Beruf einzutauchen.
Auch in der Walburger Kita sind die Männer deutlich in der Unterzahl. Ein Geschlechterverhältnis, das dem 29-jährigen Grunewald aber schon aus seiner Ausbildung bekannt ist: Lediglich vier weitere Männer drückten mit 21 Auszubildenden gemeinsam mit ihm die Schulbank an den Beruflichen Schulen in Witzenhausen. Zündstoff für das Vorurteil, Frauen brächten mehr Eigenschaften mit, die für die die Arbeit mit Kindern gebraucht werden. Doch auch Grunewald fiel die Ausbildung sehr leicht. „Da war dieses klare Gefühl: Das will ich wirklich machen“, sagt der Erzieher, der bereits eine Ausbildung und Arbeitserfahrung in der Gastronomie im Lebenslauf stehen hat.
„Wichtig ist bei der Arbeit, dass man sein eigenes inneres Kind beibehält und zu verstehen lernt“, sagt Grunewald. Denn auch die eigene Kindheit reflektiere man während der Berufsschule intensiv: So verstand er durch Unterrichtseinheiten etwa, wie die Rolle seines Bruders als Erstgeborener und seine als Nesthäkchen beide noch bis ins Erwachsenenalter prägen.
Ein Zugang zu den eigenen Gefühlen ist in diesem Beruf von großem Vorteil, „aber Emotionalität hat kein Geschlecht“, sagt der Badestädter. Einfühlungsvermögen erwachse vielmehr aus der Biografie eines Menschen. Dem Vorurteil, Männer seien nicht für den Beruf geeignet, begegnet er aber auch heutzutage noch sporadisch. „Bei uns in der Kita ist das aber kein Thema.“
Die Angst davor, bei Themen wie Missbrauch unter Generalverdacht gestellt zu werden, hält Grunewald jedoch nicht für den zentralen Grund, weshalb die Anzahl der Männer in Kitas nur zögerlich zunimmt. Vielmehr halte sich noch immer das Bild von der Erziehung als „Frauenberuf“ aufrecht.
Doch Männer im Kindergarten brauche es dringend, sagt Grunewald. So seien schon zahlreiche Jahre ins Land gezogen, doch noch heute erzähle seine Mutter von einem Erzieher aus ihrer eigenen Kita-Zeit. „Für die Kinder hat es einen Mehrwert, nicht nur Frauen als Bezugspersonen zu erleben.“
Ein wenig Klischee schleicht sich jedoch auch bei dem Erzieher ein: „Frauen sind oft ‚erzieherischer‘ unterwegs“, Männer hingegen seien Kindsköpfe; Kinder in Bällebad zu werfen oder auf dem Hof herumzutollen, sei somit ein eher männlicher Erziehungsstil.
Der Beruf sei auch was fürs Herz – schöne Momente halte der Arbeitsalltag in großer Menge bereit. Wenn ein Kind auf ihn zutapst und dem Erzieher sagt, dass es ihn lieb hat, ist es dennoch immer wieder besonders. „Da steht man dann doch mit einem Tränchen im Auge da.“ Um die jungen Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, brauche es dieses Vertrauen aber. „Ohne Bindung keine Bildung“, sagt Grunewald. Und die habe kein Geschlecht.
Evelina Kern, HNA, 23.04.2026